
Die Ballade von Pretty Joe
Noch Jahre bevor Clemens berühmt, aber schon eine Wiener Legende war, besuchte ich ein Konzert von ihm im Ernst-Kirchweger-Haus. Clemens war völlig hinüber, trug einen langen Ledermantel, darunter einen Rock und ein schwarzes Hemd. Sein Haar war auf einer Seite rasiert, auf der anderen lang. Auf seiner Schulter hockte – und meist neugierig schnuppernd – eine Ratte. Die Ratte an sich war reinlich – ein graues Fell, ein rosa Schwänzchen –, aber Clemens investierte viel Zeit, sie so zu schminken, dass einem jeglicher Appetit verging. Die Ratte hieß … Pretty Joe. Viele Leute hatten den Verdacht, dass Pretty Joe nicht eine bestimmte Ratte war, sondern eine Art Überbegriff für eine Abfolge von Ratten, aber damals gab es kein Social Media und keine schwarmgesteuerte Detektivhorde konnte die Ratte bis ins Letzte mittels Screenshots und Handybildern analysieren. Was es gab, waren verschwommene Fotos von der Bühne. Beobachtungen aus dem Publikum heraus. Aber ich kann es bestätigen. Die Ratten, die an und für sich schon keine besonders lange Lebenserwartung hatten, lebten unter Clemens noch ein gutes Stück weniger lang. Der Pretty Joe an diesem Abend war wohl Pretty Nr. 6 oder 7, so genau weiß ich es nicht.
Clemens hatte mich eingeladen, mir einen kopierten Zettel mit der Post geschickt, mit einer handschriftlichen Notiz darauf, eine ironisch flehende Einladung, und ich wollte hin, nicht wegen Clemens’ Musik – die fand ich im besten Fall interessant –, sondern wegen eines jungen Mädchens, das ich dort vorzutreffen erhoffte. Ich hatte sie ein paar Wochen zuvor in der Szenedisco U4 kennengelernt; es hatte auffällig geknistert, aber dann war ich zum Würschtelstand gegangen und als ich zurückkehrte, war sie fort. Sie war ein großer Fan von Clemens, das wusste ich. Und sie sah gut aus. Ihr Punk war teuer. Sie trug die feingeschneidertsten Klamotten aus London und eine große Markensonnenbrille, was man damals eben als Poser benannte, aber gerade das gefiel mir sehr.
Ich kam spät zum Konzert, absichtlich, ich wollte so viel von Clemens’ Musik verpassen wie möglich. Leider hatte ich mich verrechnet: Es gab eine Vorgruppe, drei Milchgesichter, die das letzte Lied ihrer Zugabe gerade in einer Kakophonie versenken wollten, aber so sehr sie sich Mühe gaben, es ging nicht. Auf Anweisung Clemens’ hatte der Tontechniker ihre Lautstärke streng reguliert. Nur Clemens und seine Gruppe durften den wirklichen Lärm betreiben. Das hatte Clemens von den ganz großen Bands gelernt. Solche Kleinigkeiten waren es, die Clemens den entscheidenden Schub nach vorne brachten.
Ich verbrachte Clemens’ Auftritt grummelnd hinter einer Säule, neben der Bar. Tatsächlich war das junge Mädchen im teuren Punk-Gewand im Publikum, aber sie frühstückte mich mit wenigen schnippischen Worten ab. Ihr musste es im U4 so erschienen sein, als hätte ich sie versetzt. Tatsächlich wollte ich doch nur das peinliche Rumpeln meines Magens mit einer Käsekrainer beruhigen. Jetzt war sie mit einem groß gewachsenen Mödlinger Fotografen unterwegs, der blondierte, hochgestellte Haare hatte, einen Burberry-Mantel über einer Leopardenfell-Latzhose trug und seine Zigarette mit Zigarettenspitz rauchte. Sie hielten Händchen und in mir entstand komplizierte Wut auf Mödling.
Clemens’ Musik vermochte meine Laune nicht zu heben. Er war noch in der Phase des modellierten Geräuschs, die später so gerühmten Melodiesprengsel suchte man vergeblich. Eine Überdosis Bier machte die Musik besser, aber nicht signifikant besser. Trotzdem war ich beeindruckt. Wie war aus dem Pullunder tragenden, pedantischen, überhöflichen jungen Mann diese charismatische Bühnenfigur geworden? Clemens wirkte authentisch ruiniert, autoritär, man wollte sich nicht mit ihm anlegen. Er strahlte eine mürrische Art von Verzweiflung aus. Alles war kaputt, aber so what? Überhaupt wirkte er wie nicht ganz von dieser Welt. Er tapste durch die Gegend, tanzte zu einer Musik, die offensichtlich nicht diejenige war, die gespielt wurde, und er rempelte seine Bandkollegen unerbittlich zur Seite, wenn sie im Weg standen. Sein Instrument der Wahl war noch nicht das Klavier, sondern ein merkwürdiges, selbst gebasteltes Ding, eine Variante einer elektrischen Gitarre. Anstelle der Saiten gab es Schmirgelpapier, das Clemens mit zwei Mikrofonen, die er zwischen den Fingern stecken hatte, traktierte, bis Eiter aus den Ohren quoll. Meist schwieg er zwischen den Nummern, nur einmal nuschelte er ein verstörendes Märchen über einen Königssohn, der sich Ratten als Mantel an den Körper klebte und dem man dafür einen Nagel in den Schädel trieb. Das Konzert dauerte nur 35 Minuten, dann ging die Band von der Bühne. Das Publikum grölte weiter, schmiss mit Flaschen auf die Bühne, tanzte Pogo, obwohl keine Musik mehr lief.
Ich traf Clemens vor der Tür. Er war durchgeschwitzt und roch unmenschlich. Pretty Joe saß auf seiner Schulter und lüpfte die Nase in die Luft. Clemens’ Freundin stand neben ihm. Er nannte sie Obsti. Sie hatte weiß-schwarz gefärbtes Haar, trug eine Army-Jacke mit goldenen Knöpfen und hatte die längste Nase, die ich je gesehen hatte, durch die sie unzählige Sicherheitsnadeln gestochen hatte. Ein paar Fans und die Band wollten noch auf eine Party. Das Mädchen aus dem U4 und der Fotograf aus Mödling riefen Clemens etwas nach, sie wollten mitkommen oder ihn in ein Gespräch verwickeln. Clemens musterte sie nur kurz, schmetterte sein Bier auf den Gehsteig und schrie herum. Irgendwelche gutturalen Laute, ohne Sinn. Joe quiekte. Verschreckt blieben die beiden stehen und wir zogen von dannen.
Es sollte etwas dauern, bis Clemens wieder sinnvoll sprechen konnte. Die ersten 15 Minuten klang er wild, er verschluckte die Vokale. Oft stellte er mitten in einem Satz fest, dass ihm die weitere Ausführung zu kompliziert war, und wechselte abrupt in launisches Schweigen. Ich machte mir Sorgen, aber Obsti meinte, das sei bei ihm ganz normal nach einem Auftritt. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ihm meine Anwesenheit recht war. Ich war jetzt der Einzige in seiner Gruppe, der ihn früher erlebt hatte, in schicker Kleidung, mit artigen Manieren. Aber er murrte nicht.
Normalerweise sagte ich immer das Schönste, das es über eine von mir erlebte Sache zu sagen gab, wenn ich bei irgendwelchen Vorführungen eingeladen war. Aber ich wollte keinen Eiertanz um Begriffe wie »eindrucksvolle Bühnenpräsenz« und »ausgefeilte Dramaturgie der Nervosität« machen müssen, also erzählte ich Clemens einfach, wie belastend sein Auftritt für mich gewesen war. Das war Clemens Kompliment genug. Er lächelte und nickte mit dem Kopf und legte das erste Mal den Arm um Obstis Schulter. Das nutzte die liebe Ratte und trippelte mit ihren Beinchen blitzschnell über die neugebildete Brücke. Obsti war das nicht recht, sie machte einen Katzenbuckel und ein saures Gesicht. Pretty Joe schlug mit seinem Schwänzchen gegen Obstis Hals. Sie schrie und schlug mit der Faust nach der Ratte. Pretty Joe quiekte, verlor das Gleichgewicht, plumpste auf den Gehsteig … und rannte los. Überraschenderweise erwiesen sich gerade Clemens und ich als die noch am wenigsten Besoffenen unter den Punks.
Als Pretty Joe unter ein Auto zischte, umrundete ich das Auto, um ihm den Weg abzuschneiden. Pretty Joe büxte zur Seite aus, unter Clemens’ Füßen hindurch, hinein durch eine offenstehende Tür in ein Gebäude. Wir hinterher. Wir sahen ihn noch um die Ecke biegen, und als wir um diese Ecke bogen, schnupperte er die grässliche Stiegenhausluft und sauste hinab in den Keller. Wäre die Kellertüre verschlossen gewesen, wäre der Ausflug der kleinen Ratte schon wieder vorbeigewesen, aber so ging es ab in die Düsternis. Obwohl nur grünliches Licht funzelte, konnten wir Pretty Joe durch die Gänge des Kellers verfolgen. Clemens dürfte durch die Drogen ein gesteigertes Gehör bekommen haben, denn er verfolgte Pretty Joe allein aufgrund seines Scharrens, Raschelns und Gequiekes. Schließlich stolperten wir durch eine rostige Tür nach draußen. Dort saß Pretty Joe am Gehsteig, fröhlich schnuppernd, als hätte er nur auf uns gewartet. Doch als Clemens mit einer Hand nach ihm griff, lief er wieder los. Über die Straße, auf der durch die späte Uhrzeit kaum jemand unterwegs war, direkt in das Parkgelände des Sankt Marxer Friedhofsparks.
Wir fluchten und kletterten über den Zaun. Vor uns lag ein breiter Weg aus hellen Kieseln, wir konnten Pretty einige Meter vor uns als Umriss wahrnehmen.
Jetzt keuchte Clemens plötzlich. Vielleicht hörten die Drogen auf zu wirken oder er war überfordert von der nächtlichen Sporteinlage. »Ich kann nicht mehr, Viktor«, sagte er und hielt sich an mir fest. Aber er meinte gar nicht seine körperlichen Grenzen. »Entweder du übernimmst meine Mutter oder du übernimmst meine Freundin.«
»Ist deine Freundin hübsch?«, sagte ich. »Ich konnte es nicht erkennen unter ihren vielen Sicherheitsnadeln.«
»Unter ihren Sicherheitsnadeln sieht sie ganz in Ordnung aus. Sie ist auch nicht besonders spießig im Bett. Da lässt sie schon mit sich verhandeln. Aber sie will mich dauernd retten. Das hält doch keiner aus, diese ständige Errettung.«
»So gerettet siehst du gar nicht aus!«
»Wir können eine Zeit lang eine Dreierbeziehung machen, und ich klinke mich dann aus. Was sagst du?«
»Und mit deiner Mutter? Soll ich da auch eine Beziehung anfangen?«
»Wenn es hilft. Ich halte es nicht mehr aus. Ich möchte sie einfach nie mehr wiedersehen und sie ist störrisch wie ein Esel.«
»Du könntest deinen Tod vortäuschen und nach Indien abhauen.«
»Ich hasse Indien!«
Wir wurden jäh unterbrochen. Ein grässliches Kreischen und Fauschen erklangen vor uns. Im Schein einer Lampe sahen wir einen brutalen Kampf. Pretty wurde von zwei anderen Ratten angegriffen. Die Ratten, schwarz und dreckig, hatten Wunden, rote Augen. Sie waren größer als Pretty, muskulöser. Pretty wirkte wie ein Musterschüler, der sich in einen Boxring verirrt hatte. Clemens zog aus seiner Jackentasche ein langes Messer.
»Ach komm, Clemens«, sagte ich, aber er sah mich nur entnervt an.
Clemens holte Schwung und warf. Entweder hatte er ein enormes Selbstbewusstsein, was seine Treffersicherheit betraf, oder der Ausgang seiner Messerwerferei war ihm von Anfang an egal gewesen. Jedenfalls war aus den beiden Ratten ein glitschiger Haufen aus Knöchlein und Gedärmen geworden. Aus Pretty Joe auch. Alle drei waren gerecht durchtrennt worden. Mir wurde schlecht. Clemens wischte frustriert das Messer an seiner Hose ab.
Mehr lesen von Peter Waldeck:
All der wilde Unfug
von Peter Waldeck
ca. 230 Seiten
ISBN-13 : 978-3903460317
Erhältlich in einer Buchhandlung in Ihrer Nähe