Cringe Comedy 2

Cringe Comedy


Der Wäschekorb war kaputt, das Plastikgitter durchgebrochen; nicht jedes Mal, aber oft, wenn Frank sich auf den Weg vom Wäscheständer in die Kinderzimmer machte, passierte es, dass einzelne Socken durch das aufgrund von Geiz und der Kaputtheit der Dinge vorhandene Loch gezwängt wurden und zu Boden fielen. Teppich bunt, Socken bunt, Augen schlecht, Rücken schlecht. Es wurde nicht einfacher.
Das Telefon klingelte.
»Tetris Gansmann. Spreche ich mit Frank Senft?«
Frank seufzte, ihm schwante ein ungemächliches Gespräch; schon anhand der gereizten Stimme konnte er es erahnen, auch der Name – Tetris Gansmann – war ihm bekannt, schließlich war sein Job immer noch sein Beruf, auch wenn er seit 20 Jahren nichts mehr veröffentlicht hatte.
Und doch freute er sich über die in dieser Formulierung lang nicht mehr gehörte Begrüßung. Das gab ihm die Gelegenheit für die Art von Amüsement, die seine Kinder zur Verzweiflung brachte, nämlich mit: »Ja, aber spreche ich mit Frank Senft?« zu antworten.
»Das freut mich für Sie, dass Sie noch Zeit für müde Späßchen finden. Und das in diesen Zeiten. Das ganze Geld haben die rausgeworfen für ihre Gasthaus-Förderungen, und wer darf dieses Milliardenloch stopfen? Die Kunst darf das stopfen, die Kultur darf das stopfen. Allen, die nicht rechtzeitig in die Tracht schlüpfen, wird das Hemd vom Leib gespart. Jetzt ist der Maria-Lazar-Preis für zeitgenössische Literatur dran. Das Aushängeschild. Gerade weil er das Aushängeschild ist, will man jetzt ein Exempel statuieren und drückt uns das Messer auf die Brusthaare. Einmal dürfen wir noch, diesen Sommer; wenn wir dann nicht liefern, quotenmäßig liefern, dann ist der Ofen aus für die Tage der Literatur.«
Der Geist der vergangenen Weihnacht – das war also die Rolle, aus der heraus Tetris Gansmann ihn anrief. Maria-Lazar-Preis, die Rasierklinge, die Nasenspitze, das viele Blut, der junge Senft. Als man noch Skandale schaffen konnte, ohne Hitler einen guten Mann zu rufen. Sollte Frank in die Jury bestellt werden? Nichts gegen den Maria-Lazar-Preis, dem verdankte er wohl – ohne Gegenuniversum wäre das natürlich nicht zu beweisen – seine literarische Karriere, aber ein Platz in der Jury? Das klang nach elendiglich wenig Geld. Außerdem war er 65. Auf seiner Karriereleiter im literaturpublizistischen Betrieb zählte man nicht mehr allzu viele Sprossen.
»Wir müssen ein starkes Zeichen setzen für die Kultur und die Kulturförderung«, fuhr Tetris Gansmann fort, »und deshalb rufe ich bei Ihnen an. Wir machen diesmal eine Supershow! Ta-da: Neues Konzept! Nicht die neuesten, nicht die jüngsten – nein, die besten Autoren werden antreten. Und zwar nur diejenigen, die den Maria-Lazar-Preis bereits gewonnen haben. Es ist ein Gefecht der größten Geister. Klagenfurt sucht das Literaturgenie, könnte man jetzt sagen, wenn man ein Trottel aus einer vertrottelten Werbeagentur wäre, aber wir wissen ja beide, dass so ein Claim nichts mit der Realität zu tun hat. Selbst wenn Sie den Preis gewinnen sollten, sind Sie natürlich lange nicht der beste lebende Schriftsteller, das wäre Erwin Einzinger oder von mir aus Marianne Hotzenfritz. Fünfzehn der besten Preisträgerinnen treten gegeneinander an. Die Jury beurteilt die Texte, junge Tikfluencerinnen machen im Anschluss im Garten aus all den Texten mittels KI eine Dark-Romance-Novelle für das junge Publikum.«
 
Es war immerhin ein Angebot, dachte Frank, als er versuchte, den Wäschekorb auf dem Schreibtisch seines ältesten Sohnes Gregor abzustellen. Schwierig. Alles voll. Mit Handy, Nintendoswitches, Tablets und Tabletten; er versuchte die Geräte vorsichtig mit dem Wäschekorb wegzuschieben, schon stieß das Tablett am Switch und der Switch am Switch 2, und der Switch 2 schob das Handy Richtung Rand. Tränen, neues Handy besorgen, das neue Handy ist nicht so schön. »Ich hasse dich, Papi! Oh Papi, du Arschloch!« Frank zog den Wäschekorb abrupt wieder hoch, zu abrupt, ein Schmerz schoss in seinen Rücken, Frank strauchelte, etwa fünf Socken fielen zu Boden. Dann fand er Platz auf einem Hocker.
»Hey!«, rief Gregor ihm von seinem Bett aus zu. »Und wer soll das dann aufräumen?« Er deutete mit seinem Mangabuch auf die auf dem Boden verteilten Socken.
Frank seufzte. Er schlüpfte aus den Patschen. Jetzt seufzte Gregor. »Nein! Bitte Papi!«
»Aber es geht so viel besser. Sich runterbeugen ist schlecht für den Rücken. In die Hocke gehen, schlecht für die Knie. Der Mensch hat Finger, aber eben auch Zehen. Zehen sind ein unbeachtetes Geschenk. Ein Werkzeug. Weiß der Teufel, warum das nicht alle so machen!«
»Aber ich weiß es, ich, weil es peinlich ist. Weil wir keine Affen mehr sind. Papi, hör mir zu, hör mir zu, wir sind keine Affen.«
Frank ließ ihn auf taube Ohren stoßen. Gregor krümmte sich vor Vaterscham auf seinem Bett, während Frank Socken um Socken mit seinen Zehen krallte, dann den Fuß hob, damit er diese mit der Hand fassen konnte, ohne seine aufrechte Haltung aufgeben zu müssen. Die Socken warf er dann in den Wäschekorb.
»Cringe, Papi, Cringe!«
Frank wedelte mit seiner Hand wie ein Musketier zur Verabschiedung von einem bösen Kardinal und verließ das Zimmer. 
 
Frank setzte sich an den Küchentisch, steckte sich seinen Vaporizer an die Lippen und erhielt einen elektrischen Schlag. So ein Tag war das. Er sollte sowieso nicht in der Wohnung vapen. Die Inge hasste das. Aber er brauchte das Nikotin, wenigstens ein bisschen Nikotin. Was er früher geraucht hatte … da konnte die Inge froh sein, dass er den Vaporizer nur noch zweimal pro Tag anwarf. Die Waschmaschine hatte er früher auch nicht zum Wäschewaschen gebraucht, sondern um Kokain von der Fläche zu sniffen. Er hatte immer noch große Sympathien für das Kokain. Er nahm es nicht mehr, aber er fand es gut. Kokain war ein Sport für junge Leute. Man musste es rechtzeitig aus seiner Lebensplanung wieder ausschleichen, sonst ging es nicht gut aus mit dem Herzen.
Auf seinen Beginn als zorniger Post-Punk-Literat war seine Phase als balearischer Rave-Beatnik gefolgt; danach hatte er sich mit Wucht in eine neue künstlerische Richtung geworfen und einen in Brüssel angesiedelten Polit-Thriller geschrieben, vielsprachig, komplex. Das ging nicht zusammen mit Drogenlethargie, chemisch induzierter Wehmut, Kopfschmerzen und Herzflimmern. Händeflimmern. Augenflimmern. Er hatte keine Gedanken mehr über vier Sätze hinweg denken können. Und ein guter Gedanke braucht entweder genau sieben Wörter oder mindestens dreißig Sätze. Außerdem schmeckte das Kokain ihm plötzlich nach Fleisch. Es dauerte, bis er das Kokain, die Amphetamine, die starken Rotweine gegen Espressi und Zeitungen eingetauscht hatte. Das hätte er auch sein lassen können. Der Roman ging unter wie ein Fahrrad im Baggersee. Gerade die Wochenzeitungen, die er so begeistert gelesen hatte, brachten die schlimmsten Verrisse. Erst in letzter Zeit hatte sich das Blatt gewandt und der vor zwanzig Jahren erschienene Roman wurde milder beurteilt. Nicht, dass sich das in Verkaufszahlen niedergeschlagen hätte, eher war es so, dass diejenigen, die den Roman damals verachtet hatten, nun meinten: »Na sooo schlecht war der auch nicht.« Besser als nichts, aber irgendwie auch nicht besser als nichts.
Nach dem Flop hatte er an einem Projekt mitgearbeitet, das ihn einerseits über die Jahre immer wieder gut ernährt hatte, andererseits – im Nachhinein betrachtet – eine fürchterlich dumme Idee gewesen war. Damals war Frank aber einfach froh gewesen, dass er überhaupt noch einen gut dotierten Vorschuss verlangen konnte – nach dem Kassengift, das sein EU-Roman geworden war. 

Fünf Jahre Gespräche mit Herbert Stein.

Steins Late-Night-Show Late Night Stein hatte die 90er-Jahre geprägt wie sonst nur Twin Peaks, Marilyn Manson und der Jugoslawienkrieg. Wenn Frank an die Anfänge zurückdachte, verspürte er wieder ein Kribbeln. In einer Zeit der langweiligsten, konformsten und bravsten Fernsehproduktionen war Herbert Stein mit seiner anarchischen Show in die Landschaft gestolpert und hatte alles bisher in Deutschland Gewesene ignoriert. Besoff sich vor laufender Kamera, prügelte sich mit dem Pianisten, ließ internationale Stargäste nicht auf die Bühne – einfach so. Dabei wirkte all das unangestrengt. Wenig vorbereitet. Kaum durchdacht, einfach gemacht. Irgendwann lief die Show nicht mehr so gut, gar nicht einmal deshalb, weil Herbert Stein schlechter geworden wäre. Es gab einfach viel mehr Konkurrenz. Andere Formate schoben sich dazwischen. Das Internet blühte auf, und es stellte sich die Frage, ob ein täglicher satirischer Rückblick überhaupt noch gebraucht wurde, wenn über den ganzen Tag hinweg die halblustigsten Gehirne schon jeden satirischen Winkel abgegrast hatten.
Herbert Stein hatte sich zurückgezogen, ohne Anzeichen einer großen persönlichen Gekränktheit an den Tag zu legen. Gut, er war schwerreich. Er verweigerte Interviews, selten sah man ihn auf Partys, nur ab und zu gab es einen Auftritt im Rahmen höchstkultureller Festspiele (darunter gab er es nicht), wo er mit dem genauen Gegenteil seiner früheren Late-Night-Gäste – zu denen Sternchen, Filmstars und andere Moderatoren gehört hatten – Konversationen führte: mit sperrigen Schriftstellern, Komponistinnen, denen die Zwölftonmusik zu seicht war, und einem Philosophen, dessen Kant-Obsession ihn für mehrere Jahre in ein Irrenhaus gebracht hatte.
Ein Gast unter anderem: Frank Senft. Der Abend, als Nebenschiene der Bayreuther Festspiele konzipiert, war unerwartet verlaufen. Frank und Herbert Stein hatten sich einen rasanten Dialog-Schlagabtausch geliefert; die Pointen kamen schneller als Ping-Pong-Bälle. Das Publikum tobte, wieherte, klatschte sich die Hände nass. Eine Lektorin, die mittlerweile an Brustkrebs verstorben ist, hatte sich im Publikum befunden und war wenige Wochen später mit einer handfesten Idee auf die beiden zugekommen. Ein Buch, ein Mammutbuch, ein Mammutbuchprojekt. Nichts anderes würde ihrer beider Ruf gerecht werden. In regelmäßigen Abständen würden sie Gespräche miteinander führen, über die Welt und ihren Irrsinn. Und nach fünf Jahren würden sie dieses Gesprächskonvolut ausschütten, Frank die Textbausteine neu zusammenklauben, Herbert pointierte Essays hinzufügen, und fertig wäre ein Verkaufsschlager, der die beiden Säulen »Griff zum Prominentenbuch aufgrund von Faulheit« und »tiefes Verlangen nach Welteinordnung« hemmungslos bediente.
Herbert Stein hatte sich noch ein wenig bitten lassen. Er wollte ja eben keine Interviews mehr machen. Die Lektorin, die nur noch zehn Jahre zu leben haben würde, hatte eingeworfen: »Umso besser!« Mit dem Verweis auf dieses Buch könne er alle Interviewanfragen sorglos in den Wind schlagen. Herbert Stein sagte zu, erhöhte allerdings den Zeitraum auf acht Jahre, aus dem dann zehn wurden. Aber auch dieser Meilenstein verstrich, denn da war die Lektorin schon im Sterben gelegen, was in mehrfacher Hinsicht traurig war: Denn sie war ein hochsympathischer Mensch gewesen und hemmungslos beim Herausrücken regelmäßiger Vorauszahlungen. Außerdem war Frank in sie verliebt gewesen. Es gab lange Phasen, in denen sie ein Paar, und mehrere, in denen sie sich sehnsüchtig Verzehrende gewesen waren. Dazwischen immer wieder die Inge.
 
Mittlerweile gab es zehntausende Seiten Transkribiertes. Der neue Lektor befand, jetzt könne man gleich auch die fünfzehn Jahre voll machen. Doch dann begann das nicht mehr so frische Jahrtausend mit den ersten disruptiven Verwerfungen. Kapitolsturm, Ukraine, Flüchtlinge. Herbert Stein hatte Meinungen. Herbert Stein liebte es plötzlich, Anfragen zu beantworten. Kommentare zu schreiben. Videokolumnen zu posten. Er knüpfte da an, wo er aufgehört hatte. Er sagte es den Progressiven, Liberalen, dem lieben linken Gesocks so richtig rein. Offenbarte Heuchelei in ihren Forderungen, brachte ihre Widersprüche zutage, legte den Finger unters Pflaster, etc. Nur dass sich die Zeit geändert hatte. Die Progressiven, die Liberalen, das liebe linke Gesocks lachte nicht mehr mit. Kein »Haha, ja, oje, so sind wir«. Sondern schlugen zurück, gaben aufs Maul. Woraufhin Herbert Stein die Risse und Unzulänglichkeiten in deren Kritik aufzeigte. In jeder Kolumne, in jedem Videoposting steckte vielleicht ein wahrer Gedanke, aber dass es kein einziges anderes Thema mehr gab, als dass der Kampf gegen Rechts mit den Waffen der Rechten geführt würde, wirkte auf die Dauer ermüdend. Die Rechten konnten doch nicht immer recht haben. Die verrückten Gesichter, die Rohheit, die Blödheit, die gemeine List – das konnte doch nicht weniger schwerwiegend sein als eine überschießende Sprachregelung. Laut Herbert Stein: nein! Weiter schoss er mit edgy Hot-Takes gegen die Bevormundungsgesellschaft der Oberlehrer, Streber und Wichtigtuer. Innen. Es war ihm egal, dass Comedy mittlerweile anders funktionierte. Stein ging es nicht mehr um Lacher, sondern um Aufmerksamkeit. Für jede Buchmesse, die ihn auslud, gab es ein Festival, das ihn einlud. Je mehr man sich über ihn echauffierte, desto härter legte er nach. Zwei Comedyabende folgten: einer über die Dreharbeiten zum Film Schindlers Liste und ein zweiter über eine Flüchtlingsfamilie, die auf der Reise nach Griechenland im Sturm aus dem Schlauchboot fällt. Die Fans waren geteilter Meinung. Die einen ärgerten sich, dass sie plötzlich eine Art Vaterkomplex aufoktroyiert bekamen; warum mussten sie sich plötzlich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen? Hatten sie damals tatsächlich über diese Witze gelacht? Die anderen konnten nicht verstehen, warum das, was sie damals lustig fanden, plötzlich nicht mehr lustig sein sollte. Gab es denn keine anderen Probleme?
Frank Senft hatte andere Probleme: Das große vielseitige Gesprächsbuch war doch nur dann von Interesse, wenn die Gedanken rar waren und unbekannt; es herrschte nunmehr aber kein Mangel mehr an Herbert Steins Gedanken. Man wusste sogar, was er über aufgemalte Fliegen in Männerpissoirs dachte. Wie war damit umzugehen? Frank Senft kam doch gerade aus dem Milieu des links-linken Gesocks, hatte früher viele Pamphlete für die Anarchie geschrieben, an Benefiz-Abenden für ehemalige RAF-Mitglieder teilgenommen usw. Warum sollte er sich ohne Grund in dieses konservativ-extreme Fahrwasser begeben? Lange Zeit hatte er sich die weltanschauliche Reise schönreden können. Er konnte ja die Gelegenheit nutzen, um im Rahmen der PR-Tournee saftig formulierte Gegenreden zu predigen. Was, wenn er aussteigen musste? Müsste er die vielen Vorschüsse zurückzahlen? Wie sollte das gehen mit dem wenigen Geld, über das er verfügte?
Frank schluckte viel: Als Herbert Stein Liebesbriefe an Marine Le Pen verfasste, als er bei Dieter Nuhr erklärte, warum die Rechten besser im Bett seien (irgendwas mit Hitlergruß und Prostata-Massage). Jaja, man konnte erzürnt sein, aber was, wenn das alles nur Satire auf der Meta-Ebene war? Wer stünde dann da als der begossene Pudel? Seit Monaten wollte er schon die damaligen Verträge öffnen und herausfinden, ob und wie viel er zurückzahlen musste, wenn er aus dem Vertrag ausstieg. Aber er traute sich nicht.
Da wurde ihm die Sache aus der Hand genommen. Der verheiratete Herbert Stein wurde auf einer Party der AfD dabei fotografiert, wie er von einer reichen neofaschistischen Influencerin einen Blowjob bekam. Siebzehn Jahre alt. Dem Verlag platzte der Kragen. Sie würden das Buch nicht veröffentlichen. Für eine kurze Zeit war Frank erleichtert. Ein, zwei Tage später dann die ersten Zweifel: Zum einen hatte er jetzt doch nichts herzuzeigen. Seit zwanzig Jahren nichts veröffentlicht. Seit fünfzehn Jahren auf dieses Buch hingearbeitet. Ganz ehrlich, es säbelte ihm die Füße unter den Beinen weg. Es gab keinen Plan B. Zum anderen: das Geld. Dieselbe Inge, die ihn lobte und aufmunterte, dass es besser sei, einen Schlussstrich unter diesen rechten Dreck zu ziehen, war auch die Inge, die die Augenbrauen hochzog, wenn er vom Sparen redete, von einer kleineren Wohnung.
Der Maria-Lazar-Preis bot einen Ausweg. Aufmerksamkeit. Er musste nichts Neues schreiben. Ein Preisgeld, ein sehr hohes noch dazu, stand zumindest als mögliche Hoffnung zur Verfügung. Aber es hatte auch denselben Haken. Die eigene geile Vergangenheit kaputtschlagen. In Fernsehrückblicken würde man nicht nur den alten Auftritt sehen, sondern auch den neuen. Älter, schwerer, müder. Nicht so geiler. Glücklich konnte man im Dschungelcamp nur dann sein, wenn es der einzige Ausweg vor dem Ruin war. Er fragte seine Freunde, die wenigen alten, mit denen er damals und heute noch in Kontakt stand, er fragte Obsti, den Mohawk-Punk und Sammler von Soul-Singles. Er sagte Nein. DJ Teufel zeigte ihm den Vogel. Der ehemalige Verlagskollege und nunmehrige Kryptowährungsspezialist Christian Rauch brüllte ihn an: Tu es nicht! Egal, wie schwer die Not ist. Wenn es so arg ist, frag lieber mich, nein, besser noch: geh unter in Flammen.
Die Inge meinte, die Entscheidung könne sie nicht für ihn treffen, da müsse er schon alleine durch. Und zeigte bereits jetzt die gepeinigte Miene unter ihrem lieben Lächeln.
»Dann frage ich den ältesten Sohn. Der älteste Sohn soll das entscheiden.«
Gregor schüttelte den Kopf.
»Du bist alt, Vati, du solltest nicht ins Fernsehen. Niemand sieht mehr fern. Das ist peinlich.«
Zum Glück hatte er noch zwei andere Söhne. Der jüngste gab ihm die Erlaubnis.
 
Im Garten des ORF-Landesstudios, wo Bienen lieb summten, nahm ihn Tetris Gansmann zur Seite. »Ich soll Sie vom Senderchef fragen, ob Sie eh nicht auf die blöde Idee kommen, wieder eine Rasierklinge mitzunehmen. Ganz blöde Idee.«
»Was? Hä?« Frank schüttelte den Kopf.
»Das war natürlich ein Aufruhr damals. Könnte man heute gar nicht mehr so machen. Obwohl.«
 
Wenige Stunden vor Franks Auftritt nahm ihn der Senderchef von 3sat zur Seite.
»Man hat mir gemunkelt, Sie planen wieder, Ihre Nase aufzuschneiden? Ich hoffe, Sie verschonen uns mit solch einem Schabernack. Sie hatten ja damals ein irres Glück. Was, wenn Sie sich eine Blutvergiftung holten und man müsste Ihnen die ganze stinkende, schwarze Nase amputieren? Wenn Sie so eine Trottelei nicht unterlassen können – ich sehe ja schon das aufmerksamkeitsgeile Glitzern in Ihren Augen –, dann kümmern Sie sich bitte um eine desinfizierte Klinge. Der Spar beim Busbahnhof ums Eck hat gerade Rasierklingen im Sonderangebot.«
Mit diesen Worten ließ er Frank verdutzt stehen.
Zwanzig Minuten vor Franks Auftritt kam er wieder.
»Mir ist aufgefallen, dass Sie leichtsinniger Narr keinen Schritt zum Spar beim Busbahnhof gemacht haben. Vermutlich bunkern Sie rostige, kaugummiverklebte Rasierklingen in Ihrer Hosentasche. Nicht auszudenken, wie das weitergehen mag. Ich habe Ihnen in der Garderobe ein Pack neuer Rasierklingen, frisch nach allen Regeln der Kunst desinfiziert, hingelegt. Der ORF-Betriebsarzt Dr. Feinrogner persönlich hat die Desinfizierung übernommen. Da können Sie Ihre Nase ritzen und schlitzen und in Schinkenscheibchen stückweise absäbeln, da wird sich nichts entzünden, sollten Sie tatsächlich so ein Idiot sein, der für die Rettung der Kunst gegen den Zugriff des rechten Packs auf das gute Kulturgeld ein bisschen zwickende Schmerzchen über sich ergehen lassen will.«
Dr. Feinrogner winkte Frank über das hereinströmende Publikum zu.
 
Frank wurde auf die Bühne gebeten. Seine Laune war im Keller. Er rechnete sich nicht die besten Chancen aus, aber gute. Einen der Nebenpreise konnte er mit seinem Text schon gewinnen. Warum? Weil der Text immer noch frisch klang. Das Gemeine. Der Hass. Die Scherben. Manch anderer der Texte wirkte wie aus einem fremden Biedermeier. Frauen, die sich im Urlaub von ihren Freunden entliebten, weil diese sich nach dem Essen mit der Krawatte die Bratensoße vom Gesicht wischten. Langhaarige Männer, die das Glück der Welt in Salzgurkenplantagen suchten. Zwei Freundinnen, die sich vor einem Horoskop-Automaten zerstritten. Franks Text aber war damals cool gewesen und war auch heute noch: cool genug.
Aber er hatte nicht miteingerechnet, dass die anderen ihre Chancen offenbar mies einschätzten und mit allem Möglichen auffuhren, um von ihren Texten abzulenken. Sie jonglierten mit Hämmern, bespuckten die ORF-Kameras, eine Autorin begann auf der Lesebühne mit ihrer Schwester zu raufen.
Aber der Text reichte doch. Das klare Wort, der schöne Satz, der Rhythmus – wer brauchte da noch diesen Firlefanz? Viele anscheinend. Fast alle. Der Schweizer Markus Krösebach entzündete 67 Furze mit einem Feuerzeug.
Jetzt saß Frank Senft auf dem Sessel, wippte mit den Zehen in seinen Sandalen und las vor. Das Publikum hinter ihm. Schade. Das hatte eine ganz andere Energie, in diese Jurygesichter zu sehen. Dass Frank auch immer jegliche Stimmung so gut aufnehmen konnte! Das war gut gelaufen, als er noch in Technoclubs aufgelegt hatte, aber hier wäre es besser, er wäre stumpf, abgestumpft wie die Juroren. Doch er merkte jede Enttäuschung. Die Langeweile in den gelangweilten Gesichtern, die Erbostheit darüber, gelangweilt zu werden. Er spürte jeden Schmerz, den ein Wort auslöste. Jetzt realisierte er die Wahrheit: Der Text war nicht zeitlos. Er war gealtert, regelrecht müde geworden. Die schnelle, kalte Sprache wirkte manieriert. Herrschaftszeiten, was war denn los? Tetris Gansmann schüttelte den Kopf. Überlegte sich wohl, was er nächstes Jahr um diese Zeit machen sollte. Um Himmels willen! Auf den nächsten Seiten kam jetzt die Aufzählung der Underground-Stars, Künstler und Speedpunk-Bands. Damals hatte jeder gedroppte Name eine wilde Assoziation erzeugt, heute Erschöpfung. Niemand kannte mehr Thomas Dolby oder The Vibrators oder GG Allin. Aber da musste er durch.
Zwei Minuten sprödes Aufzählen. Ärger als ein Rosenkranzgebet. Die Juroren hatten sich jetzt nicht mehr im Griff. Augen tränten. Gertrude Schwan legte sich auf das Pult, ließ die Arme seitlich baumeln. Iman Strunk rollte mit den Augen und zeigte ihm die Zunge. Hinter sich in den Publikumsreihen hörte er, wie die ausgeteilten Manuskripte zu Luftfächern umgewidmet wurden. Es musste etwas geschehen. Da entdeckte er auf seinem Tisch, vorne rechts neben der Wasserflasche, ein winziges Tellerchen, auf dem eine Rasierklinge abgelegt war. Er hatte sie dort nicht abgelegt.
Egal! Es war doch sowieso schon egal! Schlimmer konnte es nicht kommen. Jetzt war er auch schon genau vor der Stelle, an der er sich damals die Nase aufgeschnitten hatte. Was soll’s? Da musste er jetzt durch. Er übernahm das Manuskript mit der linken Hand und griff mit der rechten zur Rasierklinge. Seine Finger waren schweißüberströmt. Die Rasierklinge entglitt seiner Hand, fiel zu Boden. Ohne nachzudenken, stand Frank auf, das Manuskript immer noch in der linken Hand. Er warf noch einen scharfen Blick darauf, prägte sich die nächsten drei Sätze ein, um nicht mehr ablesen zu müssen und trotzdem flüssig den Text vortragen zu können. Er blickte zu Boden, sprach weiter, sah die Stelle, wo sich die Rasierklinge befand. Sie lehnte am Tischbein. Er schlüpfte aus seiner Sandale und umgriff die Rasierklinge mit seinen Zehen. Er winkelte den rechten Fuß an, und musste genau in dem Augenblick husten. Sein Körper verkrampfte sich, seine Zehen zuckten zusammen. Der Schmerz kam schnell, und schnell wurden auch die Zehen durchtrennt und pfiffen in hohem Bogen davon. Die große landete direkt in Tetris Gansmanns gähnendem Mund, die zweite traf Gertrude Schwan am rechten Auge – so überrascht war sie, dass sie in Panik das Glas, aus dem sie gerade hatte trinken wollen, mit der Hand zerdrückte; Blut quoll auf den Tisch.
Die dritte Zehe traf Valentin Klabelle auf der Stirn; nichts Schlimmes an und für sich, aber er schaukelte gerade und kippte dadurch; er schlug mit dem Kopf auf und starb auf der Stelle. Frank Senft starrte auf seinen blutenden Fuß. Tetris Gansmann lief panisch auf und ab, die Zehe steckte in seiner Luftröhre. Dr. Feinrogner wollte mit einem Zündholz für bessere Lichtverhältnisse im dunklen Schlund sorgen, jemand schlug es ihm aus der Hand, Haare begannen zu lodern, eine Frau rannte schreiend in den Garten, etc., etc. Ganz Klagenfurt brannte ab.

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All der wilde Unfug
von Peter Waldeck

ca. ‎ 230 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3903460317

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