
24. Juni um 08:41 · Gleich geht’s los (wie jedes Jahr) mit dem legendären Partyzug nach Klagenfurt. Die Wiener Buchzunft sitzt besoffen und verschmiert von Beschriebenem und dem feinen Likör von Mon-Cheri in den Abteilen und liest einander wild, laut und geifernd Prosa- und Lyrikstellen aus gerade gelesenen Büchern vor. Man muss es wenigstens einmal erlebt haben.
24. Juni um 10:39 · Nach einigen Turbulenzen sitze ich im richtigen Zug. Knapp hat es auch Ferry Menasse, der unbekannte, wenn auch nicht weniger talentierte der Menasse-Geschwister, an Bord geschafft. Keuchend sitzt er im Ruheabteil und zieht gerade eine abgegriffene Ausgabe von Balzacs »Annette et le criminel« aus dem Rucksack – sowie einen riesigen Laib puren Pferdeleberkäses. Ich werde weiter berichten.
25. Juni um 10:12 · Gestern beim Bachmann-Buffet noch große Sorgen um Ferry Menasse, dem sicher nicht weniger Begabten der Menasse-Geschwister.
Seit seiner Rauferei mit den lauten Müttern in der Ruhezone des Zugs war er nicht mehr aufgetaucht. Leander Mopardieu, Leiter des Literaturhauses FKK-Zone Lobau, konnte jedoch Entwarnung geben. Er hatte ihn eben vorhin noch gesehen, wie er auf der Bahnhofsstraße vor dem Tortenautomaten versuchte, den erkalteten Rest seines Pferdeleberkäses gegen eine ganze Villacher Torte einzutauschen. Doch die Jugendlichen, denen er diesen Handel vorschlug, waren wenig begeistert.
25. Juni um 19:05 · Heute gab es den ersten Skandal beim Bachmannpreis rund um das Interview von Slata Roschal im Fernsehgarten. Viel kann ich nicht dazu sagen, denn ich versteckte mich währenddessen gerade unter einer der Bänke aus folgendem Grund:
Ferry Menasse, der wenig bekannte aber gewiss nicht am wenigsten begabte unter den Menasse-Geschwistern, hatte gehört, dass in der neuen Folge von House of the Dragon alle bisherigen Protagonisten den Feuertod sterben und wollte sich diese unbedingt im Hotelzimmer ansehen, bevor ihm noch mehr Plotinhalte verraten werden würden. Dazu fragte er zum Leidwesen der Zuhörer*innen im Fernsehgarten schon den ganzen Vormittag herum, ob jemand unter den Besuchern sei, der ein HBO-Konto habe, das er mit einem glühenden Westeros-Fan für ein paar Stunden teilen wolle. Also, so jemand wie ich. Aber ich hütete mich, nur ein Wort über meine HBO-Möglichkeiten zu verraten, zu unangenehme Erfahrungen hatte ich mit dem Teilen meiner Streaming-Accounts schon erleben müssen. Plötzlich hat man alle Folgen der 90er-Talkshow „Heiße Bienen mit Zachi Noy“ in der „Gesehen“-Rubrik und wird vom Algorithmus argwöhnisch gemustert. Aber nur weil ich mit Pokerface schwieg, log und leugnete, hieß das nicht, dass alle anderen dasselbe taten. Jürgen Milchkorff, der Kameramann des Papierstau-Podcasts, verplapperte sich und schon musste ich für den Rest des Nachmittags untertauchen. Erst als ich Ferry Menasse aufschreien hörte, als er sich mit heißem Kaffee abseits beim Ö1-Stand verbrühte, konnte ich durch einen Seitenausgang entfliehen.
Gerade als sich nach Ende des Interviews mit Slata Roschal erzürnte Buhrufe in den Applaus mischten.
26. Juni um 12:11 · Vorher Aufruhr im Gang zum ORF-Café. Ferry Menasse, der wenig bekannte, aber sicher nicht unbegabteste der Menasse-Geschwister, im Schreiduell mit seinem Lektor Gullbrand Freiburgen vom Insel Verlag.
»Es gibt nur zwei Arten von Romanen, die sich wirklich gut verkaufen. Romane über Sex und Romane von Camus«, meinte Ferry Menasse so laut, dass es wirklich alle hier am Bachmann-Campus hören konnten. Deshalb will er seinen neuen Roman »Sexpest« nennen. Der Lektor ist dagegen. Ferry Menasse tobt. Alle Einwände, dass ja schon Ferrys letzter Roman »Die Sexpest« hieß, verpufften an seinem Zorn.
Jetzt sitzt er in der Viewing Station am Lendhafen und strickt wütend an einem Pullunder. Wir verstehen kein Wort von den Texten bei all dem hektischen Geklapper.
27. Juni um 11:04 · Wie jedes Jahr in den Tagen des Bachmannpreises lud Campelo Süttner, der letzte Literaturkritiker mit einer eigenen Sendung in der Schweiz, zu seiner legendären abendlichen Cocktail-Gala ins Strandbad Lorenzo.
Endlich Frack und Krawatte in ein Kästchen legen und in casual Badekleidung zwanglos mit dem Who Is Who der deutschsprachigen Literaturszene plaudern. Schon jedes Jahr freue ich mich drauf, viele alte Gesichter zu sehen. Ich befand mich gerade in einer ehen launigen Gesprächsrunde mit dem ehemaligen Vice-Redakteur Marvin Latsko, der mit seiner Mutter gekommen war, und der Kinderbuchbloggerin Franka Herbst, als es beim Eingang zu einem unerwarteten Tumult kam.
Hunderte Tauben stürmten das Strandbad, flatterten, stießen Gläser in einer dermaßen hohen Anzahl um, dass der Boden bald scherbenübersät war. Der Himmel verdunkelte sich. Die Friedenssymbole verwandelten sich in monströse Figuren, wenn sie in den Turmfrisuren eleganter Verlegerinnen zu bumsen begannen.
Inmitten der flatternden Vögelschar lief der kichernde Ferry Menasse, der mit Brotkrumen, Blumensaat und sonstigem Taubenfutter die umstehenden Gäste bewarf.
Wie wir nachher erfuhren, hatte der wenig bekannte, aber sicher nicht am wenigsten talentierte der Menasse-Geschwister, schon vor Stunden begonnen, rund um die Lindwurm-Statue Tauben anzulocken, hässliche Tauben, wie es es hieß, die hässlichsten Tauben, um diese durch geschickte Anfütterungsverheißungen Stück für Stück den Lendkanal entlang zum Strandbad Loretto zu locken. Was für ein Geflirre, Gurren und Scharren. Sowas hatte Klagenfurt noch nicht erlebt.
Beim Strandbad angekommen, entfesselte er ohne Zögerlichkeiten das unappetitliche Vogeldesaster, um sich für eine aus seiner Sicht respektlose Kritik von Campelo Süttner zu rächen. Niemand ahnte etwas von diesem Groll, war doch Campelo im Grunde sehr begeistert von „Die Sexpest“, meinte nur, dass für seinen Geschmack dermaßen viele Oxford-Kommas in einem deutschsprachigen Buch nichts zu suchen hätten, auch wenn der Roman in Oxford spiele.
Flüche, Schreie, Schimpfereien. Es half alles nichts. Um den wütenden Attacken der Tauben zu entkommen, mussten wir in den See flüchten und ins Weite schwimmen. Erst beim Peter-Alexander-Steg konnten wir sicher ans Ufer gehen.
28. Juni um 12:01 · Aber ich bin ja nicht nur wegen der literarischen Qualität der Texte in Klagenfurt, sondern auch, um Kontakte und berufliche Freundschaften zu pflegen. So traf ich Freitagnachmittags unter den kühlenden Eichen des Fernsehgartens Fabian Graumann, den jüngsten Spross der steinreichen Zeitungsfamilie Graumann, die eben einen turbulenten Urheberrechtsprozess gegen den Alphabet-Konzern führt und die im Zuge dessen beschlossen hatte, noch einmal ihr ganzes Kapital in Printprodukte zu verschieben. »Print ist die Zukunft«, riefen sie aus, und: »Keine Kommentare, keine Kopfschmerzen«.
Er umarmte mich und lockte mich im Anschluss zu einem High-Five heraus. Er hatte in den letzten Tagen meine lakonischen Bachmannpreis-Notizen auf Facebook verfolgt.
»Das ist eigentlich ein Skandal, dass du die so herschenkst. Was da an Analyse, Genauigkeit und präzisem Humor darin steckt – und die Verwertung fließt direkt in Zuckerbergs Taschen. Das sollte doch nicht sein.«
»Yo«, sagte ich und nickte beflissen, denn das Gesagte war schön.
»Das gehört doch dick gedruckt in ein richtig fettes Feuilleton. Und das Ganze bezahlt mit 80er-Jahre-Honoraren.«
Ich gab ihm ein zweites High-Five.
»Rumfliegen sollte man dich zu den literarischen Brennpunkten der Welt!«
Ich grinste breit.
Ich knuffte seine Stirn.
Ich boxte mit meiner Bro-Faust seine Schulter.
Sein Lachen wurde zum Lächeln, das Lächeln zu einem nervösen Lächeln.
Jetzt merkte er es auch.
»Ah, ahso.« Er kratzte sich den Nacken. »Ja, wir machen das ja leider nicht mehr. Literaturberichte liest ja keiner. Also, gar niemand mehr. Das kannst du nicht bringen.«
Ich wollte ihm nicht recht geben, auch nicht wütend widersprechen und ihm aufs Aug hauen; was anderes fiel mir aber nicht ein, also sagte ich nichts.
Er räusperte sich. Wusste auch nicht weiter, sein Glas war auch noch nicht leer. So standen wir noch einige Momente voreinander und das Schweigen führte zu einer Unangenehmheit. Was hätte ich dafür gegeben, hätte sich in diesem Moment Ferry Menasse, in einen Raufhandel mit dem Sicherheitsdienst verkeilt, zwischen uns gerollt – aber der saß weit entfernt im Garten und aß von einem Rettich.
28. Juni um 13:45 · Mehr oder weniger friedliche Ermattung im Zug zurück nach Wien. Nicht einmal Monika Helfer vermag sich zu echauffieren, obwohl sie allen Grund dazu hätte, hat ihr doch Ferry Menasse, der weniger bekannte aber nicht am wenigsten talentierte der Menasse-Geschwister, eben beim Wienerroither am Bahnhof alle Käseschlingel vor der Nase weggekauft. 14 Stück. Obwohl jeder weiß, wie sehr Monika Helfer diese Käseschlingel liebt.
»Ach Ferry«, sagt sie bloß, »Warum hast du das getan? Du weißt doch, wie sehr ich diese Käseschlingel liebe.«
Aber das seien Pfefferknöpfe und keine Käseschlingel, faucht Ferry Menasse, obwohl sogar ich von meinem Platz aus einwandfrei feststellen kann, dass es sich natürlich um 14 Käseschlingel handelt.
»Ach, ist doch egal«, sagt Monika leise, und bahnt sich den Weg zurück zu ihrem Platz. Aber das wäre ja dann das letzte Wort gewesen, also springt Ferry Menasse auf und schreit mit vollem Mund: »Pfefferknöpfe! Pfefferknöpfe! Pfefferknöpfe! Akzeptier doch, dass es Pfefferknöpfe sind.«
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All der wilde Unfug
von Peter Waldeck
ca. 230 Seiten
ISBN-13 : 978-3903460317
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